HISTORISCHE BEDEUTUNG
VOM SAUMPFAD ZUR AUTOBAHN

   

Der Gotthard ist der einzige direkte Alpenübergang im Zentrum der Alpen. «Man weiss sich hier mehr in Europa als überall sonst», schrieb der Schweizer Dichter und Nobelpreisträger Carl Spitteler. Und Johann Wolfgang Goethe, der dreimal auf die Passhöhe gestiegen war, gab dem Gotthard «den Rang eines königlichen Gebirges».

 

Vom Gotthard geht bis heute etwas Faszinierendes aus. Hier entspringen die grossen Flüsse Rhein, Rhone, Reuss und Tessin. Auf dem Gotthard treffen auch die unterschiedlichsten Sprachen und Kulturen zusammen. Und oft ist auch das Wetter diesseits und jenseits des Passes verschieden.

   
 

Trotz der zentralen Lage wurde der Gotthardpass verhältnismässig spät erschlossen. Die wilde Schöllenenschlucht bildete ein unwegsames Hindernis. Da gelang den Urnern um das Jahr 1200 ein Meisterstück, das so verwegen schien, dass man es später dem Teufel zuschrieb.

Erst mit dem Bau der Teufels- und der Twärrenbrücke in der oberen Schöllenen wurde das Tor zum Süden aufgestossen. Schnell erkannten viele Kaufleute, dass die kürzeste Route zwischen dem süddeutschen Raum und Italien über den Gotthard führt. Aber auch die einheimische Bevölkerung wusste Profit aus dem Gotthardverkehr zu schlagen. Sie gründete Säumergenossenschaften, die allein berechtigt waren, die Güter über den Pass zu transportieren.

   
 

Eine wichtige Aufgabe für das Land Uri bildeten der Unterhalt und Ausbau der Strasse. Dauernd mussten Weg und Steg ausgebessert, Brücken neu erstellt und Lawinen weggeräumt werden. Jahrhunderte lang konnte man nur zu Fuss über den Pass. Erst nachdem Uri von 1818 bis 1836 eine Fahrstrasse gebaut hatte, war der Gotthard auch mit der Kutsche befahrbar. Von 1842 an verkehrte die legendären fünfspännigen Postkutschen über den Pass. Doch bereits vierzig Jahre später hatten sie ausgedient.

   
 

Im Mai 1882 wurde nach zehnjähriger Bauzeit der Eisenbahntunnel durch den Gotthard eröffnet. Mit einem Schlag kehrte gespenstische Ruhe auf der Passhöhe ein. Allerdings nicht für lange. Kurz nach 1900 tauchten die ersten Automobile auf. Nach und nach begannen diese, den Pass zu erobern. Klar, dass die für den Kutschenverkehr gebaute Strasse aus dem 19. Jahrhundert dem modernen Autoverkehr bald nicht mehr gewachsen war. Bereits in den Dreissiger- und Vierzigerjahren wurden einzelne Abschnitte der Gotthardstrecke baulich verbessert. Von 1951 bis 1956 wurde die Schöllenen grosszügig ausgebaut. Und von 1962 bis 1976 baute auch das Tessin die Strasse von der Kantonsgrenze auf dem Pass bis nach Airolo vollkommen neu.

   
 

Inzwischen hatte der Bund, gestützt auf einen vom Schweizer Volk am 6. Juli 1958 mit grossem Mehr angenommenen Verfassungsartikel, den Bau der Nationalstrassen in Angriff genommen. Zwar war in dem 1960 von den eidgenössischen Räten verabschiedeten Strassenbauprogramm von einer Autobahn von Basel nach Luzern und einer linksufrigen Strasse am Vierwaldstätter See die Rede. Doch der Gotthard war in dem geplanten Nationalstrassennetz nicht enthalten. Da forderte im März 1960 im Nationalrat -und drei Monate später auch im Ständerat- eine Motion die wintersichere Verbindung durch den Gotthard. Wie konnte das am besten bewerkstelligt werden? Plötzlich rückte der Gotthard ins Zentrum der Projektierung der Nationalstrasse N2.

 
 

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